Auch in der Kommunikation unter Menschen ist regelmäßig von Authentizität die Rede. Interessanterweise – so jedenfalls kommt es mir vor – gerne als Erwiderung auf Kritik am eigenen Umgangston oder Gesprächsverhalten.

Ich zitiere nochmal:

Eine als authentisch bezeichnete Person wirkt besonders „echt“, strahlt aus, dass sie zu sich selbst mit ihren Stärken und Schwächen steht und im Einklang mit sich selbst handelt. Sie vermittelt ein Bild von sich, das beim Betrachter als ehrlich, stimmig, urwüchsig, unverbogen, ungekünstelt wahrgenommen wird …

https://de.wikipedia.org/wiki/Authentizität

Ehrlich oder auch offen sind, was die Kommunikation unter Menschen betrifft, eindeutig positiv besetzte Attribute. Direkt dagegen ist sozusagen ein Wackelkandidat: Aufrichtig, aber oft mit einem gewissen Mangel an Höflichkeit verbunden. Ähnliches gilt für sachlich.

Auffällig ist, dass wir mit „ehrlich / offen gesagt“ gern kritische Anmerkungen einleiten – um dann die ungeschminkte Wahrheit zu sagen.

Offen, ehrlich, ungeschminkt, zusammengefasst unter dem Oberbegriff „authentisch“, sind allesamt positiv besetzt: Wenn wir uns also in Diskussionen mit anderen Menschen authentisch verhalten, machen wir alles richtig!

Oder?

Wie wirkt Kritik?

Ehrlich gesagt, oder auch offen gestanden: Es gibt Menschen und Situationen, da möchte ich einfach sagen: „Hier haste nen Euro! Geh und quatsch ne Parkuhr an!“
Und ja: Da bin ich absolut bei mir! Schließlich bin ich auch nur ein Mensch.

Was aber erreiche ich damit? Mit Glück hab ich anschließend meine Ruhe. Das ist okay. Womöglich bin ich zufrieden mit mir, weil ich meine Grenzen gewahrt (mich gegen nervendes Gelaber verwahrt) habe. Auch okay.

Was ich damit nicht erreiche, ist Veränderung.

Dass klare, deutliche Worte mein Gegenüber aufrütteln, mag sein. Dass sie eine Verhaltensänderung bewirken, ist in der Regel ein frommer Wunsch. Was ich damit tatsächlich auslöse, ist die sogenannte kognitive Dissonanz.

Was ist kognitive Dissonanz?

Am schönsten lässt sich das, finde ich, an Beispielen erklären:

Wenn ich zum Beispiel nach langem Zaudern etwas gekauft habe, das zwar eigentlich meinen finanziellen Rahmen übersteigt, aber eben auch ein Herzenswunsch ist … und dann kommt jemand daher und sagt: „Mööönsch, das hättest du da und dort viel preiswerter kriegen können!“, dann ist „kognitive Dissonanz“ die Bezeichnung für das, was ich in diesem Moment fühle. Ich bin enttäuscht, frustriert, komme mir dumm vor, fühle mich vielleicht gedemütigt und denke mir – weil all das ja dieser Mensch in mir ausgelöst hat: Klugsch**ßer! 

Kognitive Dissonanz tritt auch dann ein, wenn ich feststellen muss, dass etwas, mit dem ich bereits begonnen habe, sehr viel anstrengender oder unangenehmer ist als gedacht. Oder schlimmer noch: Ich habe mich aufrichtig bemüht, aber das Ergebnis bleibt weit hinter meinen Erwartungen / Hoffnungen zurück! Mir fällt da spontan ein Buch mit Bauchmuskelübungen ein, diverse nie vollendete Handarbeiten und – ehrlich gesagt – noch vieles mehr.

Eine sozialpsychologische Erklärung findet sich hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Kognitive_Dissonanz

Kognitive Dissonanz kann sogar dann entstehen, wenn Menschen um Rat bitten oder ihr bisheriges Handeln zur Diskussion stellen. Selbst dann, wenn Menschen schon selber gemerkt haben, dass ihr bisheriges Vorgehen nicht optimal, nicht zielführend war, möchten sie das nicht explizit auf’s Brot geschmiert bekommen.

Klingt bescheuert, ist aber wahr: Eine Bitte um Rat und Hilfe kann sich immer auch auf die kognitive Dissonanz beziehen. 

Das heißt, der ratsuchende Mensch möchte nicht wirklich Tips, sondern eher die Bestätigung, dass seine bisherigen Bemühungen nicht vergebens waren. Dass er sich entweder auf genau diesem Wege weiter bemühen muss, oder aber, dass das Problem schlicht nicht zu lösen ist. Das sind dann solche Kandidat:innen, die für jede angebotene Lösung ein Problem finden.

Wenn ich nun bei meinem Gegenüber kognitive Dissonanz erzeuge, setze ich im lerntheoretischen Sinne Strafe ein: Ich füge einen unangenehmen Reiz hinzu. Im Gegensatz zu einem Hund (oder zum Beispiel einem Kind) kann ein erwachsener Mensch sich diesem unangenehmen Gefühl in aller Regel entziehen: Mir sagen, wo ich mir meine Meinung hinstecken kann, und einfach woanders fragen oder um Rat bitten.

Ich habe mich mit meinem Rat also vielleicht als authentisch empfunden, mein eigentliches Ziel jedoch nicht erreicht. Und spätestens an diesem Punkt beißt sich die Katze in den Schwanz: Ich habe mich bemüht, ich war womöglich emotional sehr beteiligt. Damit nicht nur nichts zu bewirken, sondern womöglich die Rückmeldung zu erhalten, dass mein Umgangston kritikwürdig sei, erzeugt … kognitive Dissonanz!

Die kann ich abzuwehren versuchen, indem ich meine Authentizität umso heftiger verteidige. Spätestens dann allerdings habe ich einen Nebenkriegsschauplatz eröffnet: Wir sprechen nicht mehr über das eigentliche Thema, sondern über mich! Das kann okay und sehr erhellend sein, trägt aber nichts zur ursprünglichen Fragestellung bei.

Wie kommen wir da raus?

Ich kann einfach versuchen, keine kognitive Dissonanz zu erzeugen! Zum Beispiel, indem ich die Meinung oder das bisherige Handeln meines Gegenübers erst einmal annehme, ohne diese sofort zu bewerten. Zu Deutsch: Ich hör erstmal zu, bevor ich meine Meinung raushaue!

Gar nicht zu (be)werten schaffen wir nicht: Wenn ich eine Schilderung höre oder lese, springt sofort mein Kopfkino an. Ich kann mir das Geschilderte lebhaft und genau vorstellen, mit meinen Erfahrungen und Werten abgleichen und habe ZACK! eine Meinung dazu. Und zu der stehe ich! Es kann halt nur sein, dass diese meine Meinung zwar hervorragend zu meinem eigenen Kopfkino passt, aber nicht zur tatsächlichen Situation.

Das kann ich verhindern, indem ich nachfrage. Also: Tatsächlich frage, nicht unterstelle.

Ich möchte meinem Gegenüber nicht das Gefühl vermitteln, sich erklären oder womöglich rechtfertigen zu müssen. Ich möchte Neugier und Interesse signalisieren. Diese Neugier, meine vielen Fragen, können ganz schön fordernd wirken. Da möchte jemand einfach nur wissen, wie Problem xy im Umgang mit dem Hund zu lösen sei, und ich erfrage gleich die halbe Lebensgeschichte …

Ich weiß, warum ich all diese Informationen benötige. Ein Mensch, dessen Hund unerwünschtes Verhalten zeigt, weiß das unter Umständen nicht. Den nervt es womöglich einfach nur, dass ich ihm ein Loch in den Bauch frage, wo andere sogleich Lösungen präsentieren.

Das kann ich lösen, indem ich in Vorleistung, indem ich in Beziehung gehe. Ich kann nach Gemeinsamkeiten schauen, nach Erfahrungen, die wir teilen, nach Details, die ich nachvollziehen, nachfühlen, verstehen kann. Ich kann eine gemeinsame Basis schaffen, auf der ich dann Fragen stellen kann. Und falls nötig auch Kritik äußern. In dem Moment, wo wir an einem Strang ziehen, ist Kritik kein Angriff mehr, sondern ein Mittel, gemeinsam zum Erfolg zu kommen!

Ist das jetzt authentisch oder eher manipulativ?

Sehr gute Frage! Wie so oft liegt der Unterschied in der Motivation: Möchte ich eine Technik nutzen, um Menschen von meiner Meinung zu überzeugen, oder hege ich eine Überzeugung, auf deren Basis ich in Verbindung mit anderen Menschen treten möchte?

Ich für mein Teil muss andere Menschen nicht unbedingt überzeugen. Ich würde gerne, ja! Aber ich möchte Menschen tatsächlich einsammeln und mitnehmen: da, wo sie sind und so, wie sie sind.

Jahaaa, ich habe Momente, in denen ich mir denke: „Himmel*rsch, schaff dir nen Plüschhund an und gut is!“ Aber den überwiegenden Teil meiner Zeit bin ich sehr bei und im Reinen mit mir, wenn ich Menschen einsammele und mitnehme.

Ich mag Menschen. Und ich trete gerne in Verbindung. Mir geht das Herz auf, wenn ich Menschen wachsen sehen darf! Und es erfüllt mich mit Dankbarkeit und Demut, festzustellen, dass auch ich bei jeder dieser Begegnungen lernen und wachsen darf.

Insofern ist „Ich bin halt authentisch!“ für mein Empfinden kein Schild, mit dem ich mich wappnen kann, keine Erklärung oder gar Rechtfertigung für mein Verhalten.
Authentisch bin ich – also ich jetzt – offen, verletzlich (oder jedenfalls bereit, mich angreifbar zu machen), neugierig, zugewandt, gesprächsbereit, diskussionsfreudig. Ebenso authentisch kann ich ausgesprochen kleingeistig und nachtragend sein – ist leider so. Authentizität an sich ist kein Qualitätsmerkmal!


Hier geht es zum ersten Teil: Authentisch – mit Hunden!

Foto © Eva Blanco via Getty Images