Schrecken am Sonntag

Meine Hündin Liese ist jetzt 13 Jahre alt. Neben Zipperlein wie schwindendem Augenlicht und Spondylose hat uns dann vor ein paar Wochen etwas Neues erwischt.
Es war kurz vor ihrem Geburtstag, natürlich in aller Herrgottsfrühe an einem Wochenende. Solche Sachen treffen einen ja immer am Wochenende … wenn alle Tierärzt:innen geschlossen haben. 🙄
Es rumpelte fürchterlich, ich bin aus dem Bett gesprungen und sah mein fröhliches Bordermädchen auf dem Boden liegen.
Sie konnte nicht aufstehen und der ganze Körper zitterte.
Dass ich mich zu Tode erschrocken habe, brauche ich wohl nicht zu erwähnen.
Ihr Kopf hing seitlich herunter, die Augen rasten von rechts nach links. Sie taumelte. Im ersten Moment dachte ich an einen epileptischen Anfall, aber dann kam mir in den Sinn, dass es noch andere Erkrankungen gibt. In Schrecksituationen kann ich zum Glück schnell funktionieren und bleibe so „handlungsfähig“.

Also erstmal eingreifen:
Ich habe sie aufgehoben und bin mit ihr aufs Sofa. Da sie stark zitterte und hechelte, habe ich versucht sie zu beruhigen, mich zu ihr gelegt. Das hat sehr gut funktioniert, aber die Augenbewegung hat nicht nachgelassen.
Alleine von dem Tempo der Augenbewegung ist mir schwindelig geworden – ich bin nicht besonders karussellfest, wenn ihr versteht, was ich meine. Schon da habe ich vermutet, dass es uns nun getroffen hat, das „geriatrische Vestibularsyndrom“.

Was ist das?

Die Symptome treten plötzlich und heftig auf und betreffen vor allem alte Hunde.
Betroffen ist das Gleichgewichtsorgan im Innenohr z.B. durch eine Durchblutungsstörung, eine Störung des Lymphflusses oder eine Entzündung, genau geklärt ist die Ursache aber bisher nicht.
Die Diagnose erfolgt über Ausschlussverfahren, da es keine genauen Tests gibt. Somit müssen Erkrankungen mit ähnlichen Symptomen – zum Beispiel Tumore, Schilddrüsenprobleme, Entzündungen des Innenohres, aber auch Folgen eventueller Unfälle – ausgeschlossen werden.

Symptome des geriatrischen Vestibularsyndroms sind: Schwindel, die schnelle Augenbewegung (Nystagmus; diese kann sowohl vertikal als auch horizontal sein), Speicheln, Zittern, alles einhergehend mit Übelkeit und extremer Unruhe. Die Hunde können dann natürlich nicht mehr geradeaus laufen, das heißt, es gibt Hunde die laufen gar nicht mehr, manche taumeln stark und andere drehen sich im Kreis (Ataxie). Der Kopf hängt seitlich und manchmal können die betroffenen Tiere auch Kot und Urin nicht mehr halten.

Nachdem sich Liese ein bisschen beruhigt hatte, habe ich die Tierärzt:innen durchtelefoniert und schnell war klar, dass selbst die Kliniken nicht mehr alle 24h Dienst haben … Einen tierärztlichen Notdienst gibt es bei uns nicht mehr. Schließlich sind wir die 25 km bis nach Bielefeld gefahren, um die dortige Tierklinik aufzusuchen.

Anmerkung: Es ist sinnvoll, sich die Nummern solcher Kliniken in der Nähe mit 24h Dienst im Telefon einzuspeichern und in Erfahrung zu bringen, wie Notdienste geregelt sind, oder ob es sogar einen Tierrettungsdienst gibt!

Da die Ursachen für das geriatrische Vestibularsyndrom nicht wirklich geklärt sind, kann nur unterstützend, symptomatisch behandelt werden. Es gibt Medikamente gegen die Übelkeit, ein durchblutungsförderndes Mittel und Infusionen mit Flüssigkeit über mehrere Tage sowie in vielen Fällen ein Beruhigungsmittel.
Die schlimmsten Symptome lassen meistens nach 3-5 Tagen nach. Danach bleiben oft Restsymptome wie z.B. eine Schiefhaltung des Kopfes und leichtes Taumeln. Das kann sich nach einigen Wochen wieder geben, manchmal bleibt diese Kopfhaltung aber auch bestehen.

Was kann ich tun, um einem Hund die Situation zu erleichtern?

Als der erste Schreck vorüber war und ich Liese wieder mit nach Hause nehmen durfte, weil sie in ihrem Fall die Infusionen nicht in klinischer Aufnahme brauchte, stellte sich natürlich die Frage, wie ich ihr die nächsten Zeit erleichtern könnte.

Klar war, dass der Pflegeaufwand in der ersten Zeit hoch sein würde. Zum einen brauchen kranke Hunde natürlich viel Ruhe – das ist in einem Haushalt mit wirbelndem 5-Jährigen und einem weiteren Hund natürlich nicht ganz easy, aber machbar.

Liese hat dauerhaft ihr Geschirr getragen, damit konnte ich sie wunderbar stabilisieren, halten und stützen.
Dass wir im Vorfeld viel Medical Training gemacht hatten, kam uns hier sehr zu Gute! Liese z.B. konnte überhaupt nicht laufen, da war es eine große Erleichterung, dass Hochnehmen und Tragen kein Problem darstellten.

Buchtipp* fürs Medical Training!

Auch das Signal „Warte“ ist gut etabliert und hat vieles einfacher gemacht. Das Borderkind war nämlich trotz der Symptomatik der Meinung, doch mal eben schnell selbst aufs Sofa springen zu wollen, oder den Raum zu wechseln.

Mir persönlich ist die Selbstbestimmung meiner Hunde sehr wichtig. Also habe ich auf kleinste Signale reagiert, um zu sehen wohin sie möchte – so war für mich schnell klar, wo sie am liebsten liegen mag. Und auch mein 5-Jähriger hat so viel Acht auf unser Mädchen gegeben, Rücksicht genommen und ihr geholfen!
Die ersten Tage habe ich sie regelmäßig in den Garten getragen, wo sie sich erleichtern konnte. Dabei habe ich sie am Geschirr gestützt, da sie nicht selbständig Stehen oder Hocken konnte. Auch Fressen war schwierig, weil sie den Napf nicht richtig „getroffen“ hat, also habe ich mit der Hand gefüttert. Die Augenbewegung hat dann, nachdem sie stetig langsamer geworden war, nach 4 Tagen ganz aufgehört.

Da meine Süße sehr gerne beim Gassi dabei ist und ich ihr nicht verwehren wollte, mitzukommen, habe ich unseren faltbaren Bollerwagen ausgegraben, in dem ich früher meinen Terrier-Opa transportiert habe.

 Anmerkung: Es gibt auch Hundebuggys, Fahrradanhänger, Tragetaschen und Rucksäcke. Für solche Zwecke sind diese Hilfsmittel perfekt und nach kurzer Eingewöhnung leicht in den Alltag zu integrieren.

Bisher brauchten wir das noch nicht, also habe ich zuerst „trocken“ geübt und den Bollerwagen im Haus aufgebaut. Hochgehoben, kurz reingesetzt, drin gabs ein Leckerchen und wieder raus gehoben.
Kein Problem, also kurz rein gelegt (selbständig Sitzen und Stehen ging ja nicht) und drinnen ein paar Kekse gefüttert. Als sie das immer noch okay fand, sind wir dann einen kurzen Schritt „gefahren“: „Click“ und Leckerchen!

Liese in ihrem Bollerwagen – Hauptsache dabei!
Foto © Nina Werner

Sobald ich mir sicher war, dass es ohne Angst klappen würde, sind wir eine kleine Runde um den Block gefahren. Begleitet von „Click für einfach im Bollerwagen herumliegen können“ lief das super! Somit waren die Gassigänge weiterhin gesichert. Unsere Omi konnte uns begleiten und auch das wilde Kind hatte viel mehr Spaß, denn es konnte mit ihr zusammen gefahren werden …

Die nächsten Wochen

Nach und nach lassen viele Symptome nach, der Gang wird wieder sicherer. Mittlerweile kann Liese wieder aufs Bett und aufs Sofa springen und kommt auch selbstständig wieder herunter. Treppen laufen klappt. Dennoch bleiben leichte Gleichgewichtsprobleme und auch die Kopfschiefhaltung ist jetzt nach 4 Wochen immer noch da.

Anmerkung: Um Verspannungen vorzubeugen und Koordinationsübungen zu erlernen, kann der Besuch einer Hundephysiotherapeut:in hilfreich sein.

Am See, am Kanal oder an Abhängen lasse ich Liese nicht unangeleint laufen: Da sie weiterhin Gleichgewichtsprobleme hat, ist sie auf diese Weise abgesichert, falls sie abrutscht oder fällt. Lange Strecken laufen muss sie noch nicht, da sie schnell ermüdet und dann abrutscht oder schlingert. So ist der Bollerwagen nach wie vor unser Freund – Win-Win-Situation für meinen Sohn, der läuft nämlich auch nicht gerne lange Strecken 😛
Den Napf habe ich ein bisschen erhöht gestellt, das macht es ihr leichter, ihr Futter zu erreichen. Ggf. greifen wir auch nochmal auf Handfütterung zurück.

Das Leben normalisiert sich, schnell stellen sich die Routinen wieder ein. Kleine Einschränkungen bleiben erstmal, können sich aber im Laufe von 2-3 Monaten wieder geben. Im Endeffekt sind der erste Schreck und die folgenden 3-4 Tage wirklich das Schwierigste.
Den Hund beruhigen, stabilisieren, Halt geben, absichern, bei den sonst so einfachen Dingen wie Erleichtern, Gehen und sogar Fressen. Sollte eine stationäre Aufnahme in der Klinik für die Versorgung über Infusionen erfolgen, kann das natürlich sehr hilfreich sein, denn die Unterstützung fordert in den ersten Tagen viel Zeit und Arbeit.

Mir selbst wurde durch die Erkrankung wieder richtig bewusst, wie endlich alles ist und wie kostbar unsere gemeinsame Zeit. Genau aus diesem Grund war mir wichtig, Liese weiterhin in den Genuss von Gassigängen kommen zu lassen, auch wenn es mit viel Aufwand verbunden ist. Meinem alten Hundemädchen, das mich stets begleitet hat, über 13 Jahre an meiner Seite war, einfach den Halt und die Stabilität zu geben, die sie braucht, hat uns als kleine Familie noch weiter zusammengeschweißt.


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Titelfoto © CatLane via Getty Images Signature