Let’s talk about SEX …
… ist die leichtfüßige Randnotiz zum eher sperrigen „Sexualverhalten – Hormone – Kastration bei Hunden“* von Tierärztin Sophie Strodtbeck. Und damit ist schon eine Menge über das Buch gesagt: Der Autorin gelingt es, ein streckenweise durchaus trockenes Thema so unterhaltsam an die Frau und den Mann zu bringen, dass die Pflichtlektüre (biologische Regelkreise, Botenstoffe mit schier unaussprechlichen Namen und wissenschaftliche Studien inklusive) zum Vergnügen wird.
Denn – Spoiler-Alarm! – genau darum handelt es sich, sollte die Entscheidung über die Kastration des eigenen Vierbeiners im Raume stehen: Um …
Pflichtlektüre!
Ich muss einräumen, dass ich diesbezüglich ein gebranntes Kind bin: Meinen ersten Hund, einen Rüden, habe ich vor knapp 20 Jahren auf den dringlichen Rat von „Fachmenschen“ hin frühkastrieren lassen. Von Hypersexualität war die Rede und davon, dass ich diesen Hund sonst niemals „in den Griff“ kriegen würde. Ich habe dem damals Glauben geschenkt und ich denke heute zutiefst beschämt an die unfassbare Borniertheit zurück, mit der ich seinerzeit argumentiert habe, nur Männer hätten ein Problem damit, wenn „die Eier ab kommen“.
Ebenso unvergessen ist mir der Vortrag eines bekannten Verhaltensbiologen zum Thema „Kastration“, während dessen mir ein paar Jahre später bewusst wurde, was ich in meiner Unwissenheit meinem Hund da zugemutet hatte: In diesem Moment hätte ich mir sehr gerne ein Loch gegraben und mich Kopf voran darin verkrochen. Dieses Gefühl gönne ich wirklich niemandem!
Und auch mir wäre es erspart geblieben, hätte ich rechtzeitig Zugang zu umfassender Information gehabt.
Was durchaus nicht bedeutet, dass ich etwas gegen sorgsam indizierte Kastrationen einzuwenden hätte. Da bin ich – im Gegenteil – ganz bei der Autorin:
„Ich bin nicht pauschal gegen Kastrationen – Ich bin gegen Pauschalkastrationen.“
Mit „indiziert“ meine ich die korrekte Beantwortung einiger weniger, ganz schlichter Fragen:
- Ist die Kastration medizinisch notwendig?
- Ist die Kastration insofern sinnvoll, als die positiven Konsequenzen (für den Hund, versteht sich!) mögliche Risiken übersteigen?
- Kann eine eventuell erhoffte Verhaltensänderung durch die Kastration überhaupt bewirkt werden?
Diese und mehr Fragen lassen sich mit Hilfe des Buches ganz bequem „abarbeiten“. Und selbst wenn die entsprechenden Tatsachen womöglich bereits geschaffen wurden, ist es hilfreich, die (Langzeit)folgen des Eingriffes bei Rüden und Hündinnen zu kennen: Denn die gibt es. Das Wegfallen der Sexualhormone hat eben nicht nur Auswirkungen auf die Sexualität eines Hundes, sondern auf das ganze Tier. Ein Leben lang.
Die Kastration von Hündinnen zur Tumorprävention – ein Sonderfall?
Wenn es um die Kastration von Hündinnen geht, wird bis heute eine Studie aus dem Jahre 1969 zur Begründung herangezogen, die vermeintlich nachweist, dass sich durch eine Kastration vor der ersten Läufigkeit das relative Mammatumorrisiko auf ein halbes Prozent und bei einer Kastration nach der ersten Läufigkeit auf 8 % verringert. Nach der zweiten Läufigkeit dagegen hat eine Kastration keinen Einfluss mehr auf die Entstehung von Mammatumoren. Das Risiko liegt dann bei 26 %.
Wie so oft steckt der Teufel im Detail – in diesem Falle im Wörtchen „relativ“: Die Studie wurde an Hündinnen durchgeführt, die bereits an Mammatumoren erkrankt waren.
Unter diesen war der Anteil der frühkastrierten Hündinnen in der Tat gering. Die Studie sagt jedoch nichts darüber aus, wie viel Prozent aller intakten Hündinnen überhaupt an Gesäugetumoren erkranken.
Das bedeutet: Nach einer Kastration vor der ersten Läufigkeit liegt das Mammatumorrisiko bei 0,5% von x. X ist der Anteil derjenigen Hündinnen, die erkranken. Und wie groß x ist, wissen wir nicht. Oder einfacher: Aus der Studie lässt sich nicht folgern, dass gut ein Viertel aller intakten oder spät kastrierten Hündinnen Gesäugekrebs bekommt!
Für wen eignet sich dieses Buch?
Für Halter:innen, die über eine Kastration des eigenen Vierbeiners nachdenken – wenig überraschend – must have!
Für Trainer:innen, die in dieser Frage regelmäßig im Rat gebeten werden, ebenso. Und – weil es mich aufrichtig schmerzt – für diejenigen Veterinärmediziner:innen, die nach wie vor kastrieren, weil Halter:innen „das gerne möchten“ bitte auch!
Wem ich es sonst noch wärmstens empfehlen möchte!
Weder last noch least beschäftigt sich ein Buch zum Thema „Hormone“ natürlich mit der Pubertät unserer Hunde!
Sophie Strodtbeck erklärt leicht verständlich, was genau eigentlich im Hundehirn vor sich geht, wenn es die ersten Schritte zum Erwachsenwerden vollzieht: Weder eine Reinszenierung von „Dr Jekyll and Mr Hyde“, noch der Griff zur Weltherrschaft, sondern der komplette Umbau eines komplexen neuronalen Systems.
Sie wirbt um Verständnis statt Druck. Um angemessene Unterstützung und ein gewisses Maß an Gelassenheit. Das lohnt sich zu lesen, bevor der eigene, entzückende, vor will to please schier platzende Welpe sich eines Tages ebenfalls auf den Weg in die Adoleszenz macht!
Zum Schluss noch eine persönliche Anmerkung
Ein paar mal hab ich gezuckt innerlich, das möchte ich nicht verschweigen: Und zwar immer dann, wenn es nicht mehr nur um veterinärmedizinische Erkenntnisse, sondern darüber hinaus um „Erziehung“ ging.
Was das berühmt berüchtigte „klare NEIN“ betrifft, oder die Mittel der Wahl, um unseren Hunden etwas „unmissverständlich klar zu machen“, da sind wir unterschiedlicher Meinung, die Sophie und ich. Und nach weit über 10 Jahren Bekanntschaft wissen wir das auch beide. Das ist okay!
Sophie Strodtbeck schreibt nämlich nicht über Hundetraining. Sie illustriert die Bücher, die sie als Tierärztin verfasst, mit Fotos und Geschichten ihrer eigenen Hunde. Und genau das ist es, was ihre Bücher über den reinen Informationsgehalt hinaus so großartig, so lesbar macht: Sophie doziert nicht, sie erzählt!
Das mag ich nicht madig machen, nur weil ich in ein, zwei Fragen eine andere Meinung vertrete.
Was das eigentliche Thema betrifft, kann und mag ich „Let’s talk about SEX“* uneingeschränkt empfehlen!
Info zum Buch*
Sophie Strodtbeck
Sexualverhalten – Hormone – Kastration bei Hunden
Verlag: Müller Rüschlikon
Februar 2024
Hardcover, 192 Seiten
ISBN-10: 327502275X
ISBN-13: 978-3275022755
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