Oder: Was verbirgt sich hinter „Nähe-Distanz-Arbeit“?

Im Laufe der letzten 20 Jahre haben im Hundetraining zwar enorme Entwicklungen stattgefunden, aber Obacht: Nicht alles, was Hundehalter:innen als Innovation angepriesen wird, ist tatsächlich neu! Häufig handelt es sich nur um beschönigende Bezeichnungen für unschöne Methoden; zum Beispiel dann, wenn aus dem zurecht verpönten Leinenruck ein Leinensignal oder –impuls wird. Und auch Marketing spielt unter Umständen eine Rolle: Wer vermeintlich einzigartige Methoden anbietet, hebt sich von der Konkurrenz ab.

Raum-was!?

Hinter „Nähe-Distanz-Arbeit“ steckt schlicht das, was früher als „den Hund räumlich begrenzen“ bekannt war und heute oft beschönigend „Raumverwaltung“ genannt wird. Der Bewegungsspielraum des Hundes wird eingeschränkt, indem der Mensch ihn mittels der eigenen Körpersprache einschüchtert und hemmt.

Begründet wird dieses Vorgehen unter anderem mit der längst widerlegten Theorie vom „Mensch-Hund-Rudel“, der zufolge ranghohe Hunde Raum (und andere „Privilegien“) für sich beanspruchen, und der Mensch dies nachahmen muss, damit der Hund ihn als Rudelführer:in anerkennt. Körpersprachliches Einschüchtern und Bedrängen kommen außerdem zur Anwendung, um den Hund an unerwünschtem Verhalten zu hindern, was häufig „Kommunikation“, gern aber auch „in den Konflikt gehen“ genannt wird.

Im Falle der „Nähe-Distanz-Arbeit“ nun wird der Hund durch die Körpersprache des Menschen gehindert, sich diesem zu nähern. Eine weniger beschönigende, aber zutreffende Bezeichnung hierfür ist „Blocken“: Der Annäherungsversuch des Hundes wird abgeblockt.

Der Hund versucht in diesem Moment weder, ein vermeintliches Privileg für sich zu beanspruchen, noch zeigt er unerwünschtes Verhalten – und dennoch reagiert der Mensch auf eine Weise, die unangenehm und bedrohlich wirkt.

Das Perfide daran: Der Hund kann nie wissen, ob seine Annäherung positive oder negative Konsequenzen für ihn haben wird.

Und das stärkt die Bindung?

So paradox das klingen mag: Ja. Auch so entsteht Bindung. Domestikationsbedingt können Hunde gar nicht anders, als sich in irgendeiner Form an ihren Menschen zu binden. Die Tücke liegt wie immer im Detail: Verhält der Mensch sich unberechenbar, entsteht nicht die eigentlich angestrebte „sichere Bindung“, sondern eine Form, die „unsicher-ambivalent“ genannt wird.

Unsicher-ambivalent gebundene Hunde zeigen sich abhängig von ihrer Bezugsperson, sind ständig damit beschäftigt, deren Stimmung und Absicht zu erspüren, um angemessen darauf reagieren zu können. Sie zeigen nur wenig Neugier- und Explorationsverhalten und ihr Stressniveau liegt über dem Durchschnitt. Vielen Menschen ist dieses Phänomen als „Stockholm-Syndrom“ bekannt, bei dem die Opfer etwa einer Geiselnahme ein positives emotionales Verhältnis zu ihren Entführer:innen aufbauen, mit den Täter:innen sympathisieren und kooperieren. Angesichts der Tatsache, dass das Wohl und Wehe unserer Hunde ganz und gar von unserem Wohlwollen abhängt, ist es keine Überraschung, dass dieses Phänomen sich auch bei ihnen beobachten lässt.

Das Ergebnis der Nähe-Distanz-Arbeit kann sich sehen lassen: Der Hund bleibt in der Nähe des Menschen, lässt sich nur schwer von ihm ablenken und wird alles tun, um zu gefallen. Und natürlich wird er überglücklich reagieren, wenn sein Mensch seine Annäherung tatsächlich duldet oder gar freundlich beantwortet!

Beeindruckend sieht das aus!

Aber der Preis, den der Hund dafür zahlt, ist hoch.
Und auch der Mensch zahlt drauf: Was er sich erträumt hat, die sichere, vertrauensvolle Bindung seines Hundes, bekommt er auf diese Weise nicht.

Wie eine sichere Bindung zwischen Mensch und Hund entsteht ist hier erklärt:

Zum Weiterlesen: https://grishastewart.com/safe?fbclid=IwAR2CS9jLKtgCGJHlDKi-wq1fqchUECu3oeqKN8pUa8ghz_xFcpwazCKmo2A


Foto © Aleksei Koldunov via canva