Die Box in der Wissenschaft

In der Diskussion um den Einsatz von Boxen wird regelmäßig auf eine beunruhigende Entwicklung verwiesen: Über den Einsatz zwecks Transport oder Rekonvaleszenz hinaus, würden Boxen von Trainer:innen zunehmend zu Erziehungs- und Managementzwecken verwendet und empfohlen. Ihr Einsatz werde regelrecht propagiert.

Und tatsächlich wurde im Rahmen einer Studie nachgewiesen, dass das der Fall ist! Seriöse Veröffentlichungen weisen allerdings darauf hin, dass die zu Grunde liegende Studie nicht repräsentativ sei.

Was bedeutet das?

Neben anderen Kriterien (genau erklärt ist das hier: https://www.quarks.de/gesellschaft/bildung/so-durchschaust-du-jede-statistik/) bedeutet das zum Beispiel, dass eine ausreichend große Menge von Menschen, die nach dem Zufallsprinzip ausgewählt wurden, befragt werden muss.

Frage ich zum Beispiel die Hundehalter:innen, welche ich beim Spaziergang treffe, ob sie den Kot ihrer Hunde einsammeln und in Müllbehältern entsorgen, dann ist das Ergebnis bestenfalls für meine Gassistrecke repräsentativ: Je nachdem, ob ich in Parks, in welchen das Ordnungsamt kontrolliert, oder aber auf dem Land unterwegs bin, werden die Antworten sehr unterschiedlich ausfallen. Darüber hinaus spielt die Anzahl der befragten Menschen eine Rolle: Gehen in einem Gebiet regelmäßig 100 Menschen spazieren und ich befrage lediglich die 5 ersten, die mir beim Morgengassi begegnen, kann ich nur bedingt eine Aussage über die restlichen 95 treffen.
Und natürlich kommt es darauf an, wie genau ich meine Frage formuliere: Stelle ich sie offen und neutral, oder suggeriere ich, welche Antwort ich hören möchte („Ist es für dich selbstverständlich, auf die Interessen anderer Spaziergänger:innen Rücksicht zu nehmen und die Hinterlassenschaften deines Hundes einzusammeln?“)?

Bei der Studie, auf die sich die Befürchtungen hinsichtlich eines missbräuchlichen Einsatzes von Boxen stützen, wurden in Bezug auf Deutschland 100 Trainer:innen befragt, für Österreich 23.

Im Verhältnis zur Anzahl der existierenden Hundeschulen ist das viel zu wenig. „Nicht repräsentativ“ bedeutet also, dass die Ergebnisse einer Studie nicht verallgemeinert werden können.

Viele Veröffentlichungen zur aktuellen Diskussion nennen die wtm, die Wiener Tierärztliche Monatsschrift, als Quelle und stützen ihre Argumentation darauf. Es lohnt sich also, einen Blick in den Originaltext zu werfen (der komplette Text findet sich hier).

Auch dieser Text beginnt mit der Feststellung: „In der Praxis wird die Verwendung von (Transport-) Boxen und ähnlichen Unterkünften (wie Laufgittern) im Rahmen der Haltung von Hunden zum Beispiel als Erziehungshilfe und Managementmaßnahme , aber auch zu verhaltenstherapeutischen Zwecken zunehmend propagiert“ (S. 212). Um eine Seite weiter (S. 213) einzuräumen, dass nicht repräsentative Umfragen unter österreichischen (n=23) und deutschen (n=100) Hundetrainern zeigten, dass die überwiegende Mehrzahl Boxen für eigene Hunde verwendet und auch Kunden zur Verwendung von Boxen rät. 85% der deutschen und rund 50% der österreichischen Trainer nutzen Boxen, weil der Hund Verhaltensauffälligkeiten zeigte.“

Nach welchen Kriterien die Befragten ausgewählt wurden und wie genau die Fragen lauteten, ist nicht ersichtlich.

Interessant ist die Feststellung der Autor:innen, dass nicht nur „wissenschaftliche Erkenntnisse über die mögliche Tierschutzrelevanz der Unterbringung von Hunden in Boxen oder ähnlichen Unterkünften weitgehend fehlen“, sondern im Gegenteil in der angelsächsischen Literatur das „confinement in a box or crate als Managementmaßnahme bei Problemverhalten empfohlen wird“.

Sie verweisen weiter auf Quellen, in welchen der „Aufenthalt in der Box während der Nachtstunden sowie eine maximal vier- bis fünfstündige Unterbringung während des Tages“ als akzeptabel bezeichnet werden, sofern zuvor ein entsprechendes Training stattgefunden hat (S. 215).

Nachdem wissenschaftliche Erkenntnisse zur Fragestellung bislang fehlen, ziehen die Autor:innen die Ergebnisse anderer Studien (z.B. zum Ruheverhalten des Hundes, oder den Folgen von Bewegungseinschränkungen) hinzu, um auf dieser Basis Annahmen und Schlussfolgerungen zu formulieren.

Das ist grundsätzlich legitim, allerdings ist es wichtig, an dieser Stelle im Hinterkopf zu behalten, dass es sich ab diesem Punkt nicht mehr um wissenschaftliche Erkenntnisse in Bezug auf die eigentliche Fragestellung handelt.
Eine Annahme oder eine Schlussfolgerung muss nicht falsch sein, sie kann ins Schwarze treffen – aber sie ist weder eine wissenschaftliche Erkenntnis, noch ein Beweis.

Ruheverhalten

Zu diesem Thema listen die Autor:innen die Ergebnisse verschiedener Studien zum Ruheverhalten von Hunden auf: so zum Beispiel das Verhalten freilebender Hunde im Vergleich zu solchen, die in Laboren gehalten werden, oder aber in Haushalten leben. Letztere passen sich deutlich an die Lebensumstände und Aktivitäten ihrer Halter:innen an.

Wir erfahren etwas darüber, wie viel Prozent der Zeit Hunde im leichten, im Tief-, oder aber im REM-Schlaf verbringen und dass Ruheperioden mit geschlossenen Augen durchschnittlich 16 bis 25 Minuten dauern.

Eine weitere Studie belegt, dass Tierheimhunde während einer 12-stündigen Ruheperiode  zwischen 8 und 37 mal die Position wechselten, im Durchschnitt also 1 bis 3 Mal pro Stunde (S. 215).

Es sind diese beiden letzten Details – die Dauer der Ruheperioden mit geschlossenen Augen sowie die durchschnittliche Anzahl nächtlicher Positionswechsel von Hunden im Tierheim, aus denen die Autor:innen den Schluss ziehen: Eine Box müsse alle 20 bis 30 Minuten für 10 bis 15 Minuten geöffnet werden, um dem Hund die Möglichkeit zu geben, diese zu verlassen.

Von Tierheimhunden ist bekannt, dass sie aufgrund der Haltungsbedingungen unter erhöhtem Stress leiden, der vermutlich auch ihr Ruheverhalten beeinflusst. Wie oft sie durch Umgebungsreize zu einem Positionswechsel veranlasst werden, lässt sich nicht sagen. Unter welchen Umständen die unterschiedlichen Schlafphasen ermittelt wurden, geht aus dem Text nicht hervor, wahrscheinlich handelt es sich jedoch um Laborbedingungen.

Inwieweit sich diese Erkenntnisse auf Familienhunde in ihrem gewohnten Umfeld übertragen lassen, scheint fraglich.

Folgen der Bewegungseinschränkung

In der Frage, wie viel Platz ein Hund benötigt, gibt es bislang keinen wissenschaftlichen Konsens. Die Antwort hängt nicht zuletzt von individuellen Faktoren, wie zum Beispiel Alter, Größe und Rasse des Hundes ab, aber auch von der Strukturierung des Raumes und eventuellen Beschäftigungsmöglichkeiten. Zur Einschätzung der Folgen der Bewegungseinschränkung durch eine Box ziehen die Autor:innen die Ergebnisse einer Untersuchung an Laborhunden heran, bei welchen eine stark verminderte Aktivität, Kauen, Lecken und Kratzen an Tür oder Wänden ihres Käfigs, ausgeprägtes Fellpflegeverhalten bis hin zu Stereotypien festgestellt wurde (S. 216).

Auch hier darf die Frage gestellt werden, ob die Ergebnisse auf Familienhunde, die gelegentlich für kurze Zeit in einer Box untergebracht werden, übertragbar sind.

Kontakt mit und Trennung von Bindungspartner:innen

Als hochsoziale Lebewesen, die eine Bindung zu ihren Halter:innen eingehen, müssen Hunde das entspannte Alleinsein erst erlernen, da sie sonst erheblich unter Trennungsstress leiden können. Laut einer Untersuchung bezüglich der Dauer der Trennung zeigten Hunde, die zwei Stunden allein gewesen waren, ein intensiveres Begrüßungsverhalten als solche, deren Halter:innen nur 30 Minuten lang abwesend waren.

Hieraus schließen die Autor:innen, dass nach 30 Minuten das Bedürfnis nach Kontakt zu steigen beginnt (S. 216).

Ob Wiedersehensfreude Rückschlüsse auf ein vorheriges Leiden zulässt, wäre noch zu hinterfragen.
Sollte das der Fall sein, müsste die Frage gestellt werden, ob Hunde – unabhängig von der Art der Unterbringung – überhaupt länger als 30 Minuten allein gelassen werden dürfen. Hinzu kommt, dass Hunde während des Aufenthaltes in einer Box nicht zwingend alleingelassen werden, sondern die Halter:innen regelmäßig anwesend sind und auf ein eventuelles Kontaktbedürfnis umgehend reagieren können.

Mögliche Emotionen beim Aufenthalt in einer geschlossenen Box

Der Aufenthalt in einer geschlossenen Box kann Emotionen wie Frustration (der Hund kann ein Verhalten nicht ausführen, zu welchem er motiviert ist), aber auch Furcht auslösen (fehlende Ausweichmöglichkeit bei Unterschreitung der Individualdistanz; S.216). Das gilt insbesondere für solche Hunde, die unter Trennungsstress leiden, da die Box ihre Handlungsmöglichkeiten einschränkt. Verhaltensweisen wie Umherlaufen oder das Zerstören von Gegenständen, die dem Stressabbau dienen können, sind unmöglich.

Werden Hunde in einer geschlossenen Box unangenehmen Situationen und/oder aversiven Reizen ausgesetzt, besteht die Gefahr, dass sie – da sie sich weder entziehen noch zur Wehr setzen können – eine sogenannte erlernte Hilflosigkeit bzw. Anzeichen einer Depression entwickeln. Hier kommen die Autor:innen zu dem Schluss: „Das Ziel eines „korrekt“ durchgeführten Boxentrainings besteht darin, das Auftreten von negativen Emotionen zu verhindern. Dies kann durch ein gut strukturiertes, kleinstufiges Training erreicht werden, wobei es von zentraler Bedeutung ist, dass die Trainer:in die Verhaltensäußerungen des Hundes erkennt, richtig interpretiert und entsprechend reagiert und/oder den Trainingsplan individuell adaptiert“ (S. 217).

Tierschutzgesetz

Das Tierschutzgesetz verbietet es, einem Tier vorsätzlich oder fahrlässig ohne vernünftigen Grund erhebliche Schmerzen, Leiden oder Schäden zuzufügen. Laut Ansicht der Autor:innen gilt die Unterbringung eines Hundes in einer geschlossenen Box insbesondere dann als vernünftiger Grund, wenn dies zum Schutz des Hundes selbst, zum Schutz von Menschen oder anderen Tieren dient.

Nicht gerechtfertigt ist sie unter anderem zum Schutz der Wohnungseinrichtung oder zwecks dauerhafter Haltung mehrerer Hunde in einem Haushalt (S. 219 ff).

Fazit

Zusammenfassend stellen die Autor:innen fest, dass der Aufenthalt in einer geschlossenen Box zur Sicherung und Beschleunigung des Heilerfolges nach einer veterinärmedizinischen Behandlung erforderlich sein kann und ein bewährtes Hilfsmittel beim sicheren Transport von Hunden darstellt.

Sie wiederholen – ohne dies nachweisen zu können – dass der Einsatz von Boxen zu anderen Zwecken zunehmend propagiert werde und betonen, dass insbesondere die nicht fachgerechte Nutzung erhebliche Leiden und Schäden verursachen könne.

Hier sehen sie Tiermediziner:innen in der Verantwortung, sich über die fachlichen und rechtlichen Aspekte bei der Verwendung von Boxen zu informieren und dieses Wissen an Hundehalter:innen sowie Trainer:innen weiterzugeben.


Die Artikelserie zur Box:

  1. Voraussetzungen für das Training
  2. Training und Management
  3. Wissenschaftliche Erkenntnisse
  4. Rechtliche Fragen

Foto @ dtimiraos via canva