… das verrät bereits der augenzwinkernde Titel, ist kein sperriges „Stück Fachliteratur“, welches seinen Leser:innen Konzentration oder gar Vorkenntnisse abnötigt. Stattdessen lässt es sich an einem regnerischen Sonntag bequem in einem Rutsch durchlesen.
Dennoch ist es alles andere als bequeme Lektüre!

Wie bereits die vorhergehenden Bücher von Ulli Reichmann ist Perfekt unerzogen ein leidenschaftliches Plädoyer für eine andere Sicht auf unsere Hunde. Ein Buch, das eine Menge „Ja, aber …“s provoziert, ganz sicher auch einige „Näh!“s! Und: Erleichtertes Aufseufzen.

Die Autorin schildert die Entwicklung des Hundetrainings im Laufe der letzten 25 Jahre knapp, aber anhand leicht nachvollziehbarer Beispiele: Vom Drill vermittels harter Strafen, hin zu positivem und immer noch positiverem … bis hin zu zu viel Training.

Ulli Reichmann, Perfekt unerzogen*

Kann es das überhaupt geben? Ein „Zuviel“ an positivem Training?
Ganz gleich, ob ich mein Tun als „Training“ oder „Erziehung“ bezeichne: Es zielt auf eine Verhaltensänderung ab. Und kategorisiert damit nach Ansicht der Autorin das ursprüngliche Verhalten als unerwünscht.
Wir werten das angeborene Verhaltensrepertoire unserer Hunde, das sie nicht nur bestens auf ein Leben als sozialer Beutegreifer vorbereitet hat, sondern sie überdies in die Lage versetzt, mit einer anderen Spezies (also: Uns!) zu kooperieren – und kommen zu dem Schluss: Es ist uns nicht gut genug!

„Ja, aber …“? „Näh!“?

Unsere Hunde leben in einer Menschenwelt, in der sie mit ihren naturgegebenen Fähigkeiten fast zwangsläufig anecken müssen, keine Frage! Und an diesen Punkten sind wir in der Pflicht, sie zu unterstützen, sei das nun durch Management, oder eben durch Training!
Was wir uns aber durchaus fragen dürfen:

Wie viel Training ist notwendig?
Wie viel davon erhöht tatsächlich die Lebensqualität meines Hundes?
Was trainiere ich lediglich, weil „es sich so gehört, dass ein Hund das kann“?
Und ab wann wird Training zum Selbstzweck? Ab wann trainiere ich, weil es meine Bedürfnisse erfüllt?

Vor allem aber: Übersehen wir angesichts eines Übermaßes an positiven Trainingsmöglichkeiten womöglich die Spezialisten an unserer Seite? Bei denen es sich – genau so, wie sie sind – bereits um wahrhaft faszinierende Lebewesen handelt? Wir holen Hunde in unser Leben, deren Zuchtziel (also unser eigener Plan davon, wie sie sein sollten!) die Jagd, das Melden von Störungen oder der Schutz davor war, und haben nichts Besseres zu tun, als ihnen all das wieder abzutrainieren …
Warum züchten wir nicht gleich Hunde, die keinerlei Leidenschaften hegen?

Spoiler: Den Versuch gab es. Die Halter:innen berichten, es sei schwierig, diese Hunde für gemeinsame Aktivitäten zu begeistern.

Aber ganz egal, welche Passion unsere züchterische Absicht ihnen in die Wiege gelegt haben mag: Sie alle können und wollen (und ja: das gilt selbst für angeblich „erziehungsresistente“ Rassen wie zum Beispiel die Herdenschutzhunde) kooperieren! Es ist an uns, sie darin zu bestärken! Es ist unsere Aufgabe, nicht nur ihre Fragen zu beantworten, sondern unsererseits Fragen zu stellen. Und uns die Antworten zu Herzen zu nehmen!

Ich hege große Sympathie

Überflüssig zu erwähnen, dass es da eine große Affinität gibt zwischen meinem eigenen Erleben und dem, was Ulli Reichmann schreibt. Die Erfahrung mit unseren Hunden hat mich gelehrt, dass sie umso mehr eigene Lösungsansätze vorschlagen, je weniger ich ein definiertes Trainingsziel verfolge. Sie bieten an, was ihnen leicht fällt, zu leisten! Bitten um Unterstützung, sofern sie diese benötigen. Der „gemeinsame Wortschatz“ steigt rasant.
Wir kooperieren. Für mich ist das nicht dasselbe wie „Training“.

Mir persönlich kommt dieses Ulli-Ding einfach entgegen!

Dennoch hätte ich mir an einigen Punkten mehr Ausführlichkeit, mehr Differenzierung gewünscht!

Bindung

Auch ein sicher (!) gebundener Hund wird, sofern Jagd seine Leidenschaft ist, angesichts eines aufspringenden Hasen oder Rehs innerhalb von Nanosekunden auf dem Weg zum Horizont sein. Er gehört damit in einem Gebiet, in welchem mit Wild zu rechnen ist, zu den Fällen, „wo das einfach der Verstand gebietet“, die Leine dran zu lassen.
Ulli Reichmann weiß das, hat sie doch ihr erstes Buch dem Leben mit jagenden Hunden gewidmet. Selbstverständlich weiß sie das!

Aber das steht da nicht.
Da steht: „Was wir glauben, ihm beibringen zu müssen, ist, im Freilauf auf uns zu achten und auf Zuruf sofort zu uns zurückzueilen. Das Missverständnis besteht darin, dass wir es Hunden dabei unnötig schwer machen, denn wir fordern Dinge, die der Hund bei guter Bindung und gutem Vertrauensverhältnis zu seinem Menschen ohnehin von sich aus tun würde“.

So etwas passiert uns allen hin und wieder: Es gibt Dinge, die finden wir so dermaßen selbstverständlich, dass wir glatt vergessen, sie zu erwähnen!

Kann passieren! In diesem Fall spielt sie leider denjenigen selbsternannten Hunde-Fachleuten in die Hände, die schon immer jedwedes Problem mit „Da musst du mal an der Bindung arbeiten!“ zu beantworten wussten.

Toleranz

Die Begegnung mit Artgenossen ist für viele Hunde sehr viel aufregender, als das nötig und für die Beteiligten angenehm wäre. Und häufig ist es der Mensch, der durch ungeschicktes Agieren zu diesem Problem beiträgt, keine Frage!
Dass ehemalige Straßenhunde hier entspannter wären, da sie das Zusammentreffen mit vielen anderen Hunden ja gewohnt seien, ist allerdings ein frommer Wunsch. Ebenso sollen Hunde, die in der Stadt leben, Begegnungen und drangvolle Enge eher tolerieren, da sie ja – ebenso wie Menschen – daran gewöhnt sind.

Worauf die Autorin diese Erkenntnisse stützt, bleibt ihr Geheimnis. Es mag durchaus sein, dass solche Hunde, die von Kindesbeinen an in der Stadt gelebt und die entsprechende Unterstützung ihrer Menschen erfahren haben, in dieser Frage ziemlich coole Socken sind.
Mit Sicherheit gibt es aber auch diejenigen, die schlichte Reizüberflutung in die Resignation getrieben hat. Von solchen, denen ihre ursprüngliche Reaktion durch Leinenruck, Wasserflasche oder Sprühhalsband „aberzogen“ wurde, gar nicht zu reden.

Kind und Hund

„Jedes kleine Kind nimmt auf vollkommen unvoreingenommene Weise Kontakt zu Tieren auf – bis sich jemand einmischt und diese natürliche Verbindung zerstört.“
Es mag sein, dass Kinder – wenn alles gut läuft – durch ihre schiere Arglosigkeit geschützt sind: Viele Hunde nehmen sie als eine andere Art Welpen wahr und reagieren entsprechend tolerant.
Und es ist ganz sicher richtig, dass Kinder sehr viel mehr als Erwachsene in der Lage sind, Tiere als Freunde wahrzunehmen, denen sie ihre Geheimnisse anvertrauen und in deren Fell sie sich gelegentlich ausweinen!
Richtig ist allerdings auch, dass Kinder sich am Vorbild ihrer Eltern orientieren. Gehen diese unachtsam und grob mit dem Familienhund um, wird ein Kind diesem Beispiel nacheifern.

Schon wenige Seiten später lese ich dann auch die abschreckende Geschichte von dem kleinen Mädchen, das den Yorkie-Welpen der Familie an der Leine mit sich zerrt, ihn daran hochhebt und nach vorn schleudert, und ihn dabei zu allem Überfluss auch noch tritt. So viel also zur natürlichen Verbindung …

Es mag sie geben, diese innigen Freundschaften zwischen Kindern und Hunden! Ich selbst habe als Kind eine ebenso innige Freundschaft zu einem Pferd gepflegt. Dennoch ist der Umgang mit Hunden, das Verstehen ihrer Sprache, Kindern nicht automatisch in die Wiege gelegt – davon legt eine Unzahl von Beißvorfällen beredtes Zeugnis ab.

Was ich mir sonst noch gewünscht hätte

Menschen, denen eine respektvolle und wertschätzende Kommunikation auch unter Menschen ein Anliegen ist, selbst dann, wenn über deren Denken und Handeln gesprochen wird, werden angesichts der Wortwahl hin und wieder zusammenzucken. Wieder andere werden vermutlich genau daran ihre helle Freude haben, an der „klaren Ansage“: Zuschreibungen wie „dumm“ und „schwachsinnig“ lassen an Deutlichkeit schließlich nichts zu wünschen übrig!

Was das betrifft, macht Ulli Reichmann keine großen Unterschiede: Auch dann, wenn sie über positiv trainierende Menschen schreibt, schleicht sich, so sehr sie auch grundsätzlich für positives Training plädiert, erneut eine eher abwertende Wortwahl ein: Ironische Überspitzung, deren Ergebnis sie „grotesk“ anmutet.

Und ich muss sagen: Das bedaure ich zutiefst! Ich bin nämlich der festen Überzeugung, dass ich andere Menschen niemals von meinem Standpunkt werde überzeugen können, indem ich den ihren abwerte.

Was mir gut gefallen hat

Bei ihrem Kernthema, dem freundschaftlichen Umgang mit unseren Hunden, läuft die Autorin zu großer Form auf: Denn selbstverständlich trainieren wir mit Freund:innen nicht! Gesellschaftstänze vielleicht, oder gemeinsames Judo – aber ganz sicher nicht die Art und Weise, wie wir miteinander umgehen möchten.

Und wir erziehen sie nicht! Kinder werden erzogen – Erwachsene verbitten sich das.
„Unerzogen“ als Haltung im Zusammenleben mit Kindern geht sogar noch einen Schritt weiter und bezeichnet Kindererziehung als Diskriminierung aufgrund des Alters. Wer erzieht, also Einfluss auf das Verhalten eines Kindes nimmt, wertet dieses gleichzeitig als unangepasst oder falsch – anderenfalls bedürfte es ja keiner Veränderung. Das Kind, so wie es ist, ist nicht gut genug.

Einer der Sätze in „Perfekt unerzogen“, eigentlich nur ein Satzanfang, ist mir direkt ins Herz gegangen: „Um herauszufinden, wer ein Hund wirklich ist …“.
Wie wunderbar! Nicht „wie“ … „wer“! Wir haben es nicht mit einem Bündel mehr oder weniger erwünschter Verhaltensweisen zu tun, sondern mit einer Persönlichkeit!

Der Satz geht weiter mit „… wie er von sich aus mit Situationen umgehen würde und wie er die Welt sieht …“.
Das sind die Leser:innen eingeladen, so wertungsfrei als irgend möglich zu beobachten: Was kann mein Hund? Was mag er? Was bietet er an? Was kann ich tun, ihn darin zu unterstützen?
Kooperation bedeutet in diesem Falle nicht, dass ich die Richtung vorgebe und mein Hund kooperiert. Wir kooperieren miteinander! Die Kommunikation ist gleichberechtigt.

Dabei ist nicht nur an solche Situationen gedacht, in denen der Hund etwas (Hundebegegnungen, gruselige Objekte oder Geräusche etc.) bewältigen soll, sondern tatsächlich auch an seine Neigungen und Stärken. Hunde, die ihre Stärken ausleben dürfen, sind zufrieden (mit sich) und im Alltag häufig gelassener, auch wenn es mal stressig wird. Ich bin mir ganz sicher, dass Hunde stolz auf sich sein können und dadurch an Selbstbewusstsein gewinnen!
Ich bin mir allerdings auch sicher, dass es sie freut, wenn wir sie dafür feiern.

Das mag diffus klingen und ich bin versucht, von unseren Hunden zu erzählen – wie das bei denen aussieht.
Und genau das tut Ulli Reichmann auch: Sie gibt Beispiele. Es geht ja eben nicht um eine Anleitung, sondern eher um eine Anregung: Mit Blick auf den eigenen Hund und dessen Besonderheit.

Für wen eignet sich „Perfekt unerzogen“?

Hundehalter:innen, die gern ein großes Instrumentarium an Trainingsmöglichkeiten zu ihrer Verfügung haben – sei es, weil dieses tatsächlich benötigt wird, oder aber, weil es zu einem Gefühl der Sicherheit beiträgt (und das ist absolut in Ordnung: Wir alle sind ja auch Produkte unseres eigenen Lebensweges, unserer eigenen Erziehung!), werden sich an dem Buch vermutlich eher reiben, als dass sie einen Nutzen daraus ziehen. Dasselbe gilt für diejenigen, denen es einfach Freude macht, ihren Hunden eine Menge Dinge beizubringen.

Aber schon das kann ja sehr erhellend sein: „Wovon fühle ich mich angepiekst und warum eigentlich?“
Menschen, die sich unzulänglich fühlen, weil es ihnen einfach nicht gelingen will, ihren Hund zum „Funktionieren“ zu bringen, dürften erleichtert aufatmen: Das Leben mit einem Hund darf leicht sein!
Neugierige Menschen, die ihre Grundannahmen hin und wieder gegen den Strich bürsten mögen.
Für diejenigen, die für ihren Welpen bereits einen detaillierten Trainingsplan ausgearbeitet haben, bevor dieser überhaupt bei ihnen eingezogen ist, ist es womöglich ein must have.

„Ein erziehender Mensch hat seinen Fokus auf dem Ergebnis, das in der Zukunft liegt und nicht in der Gegenwart.“

… ist ein weiterer Satz, der mich hat aufmerken lassen. Wenn wir uns eines von unseren Hunden abschauen können, dann ist es ihre Fähigkeit, ganz und gar im Hier und Jetzt zu sein!

Sie lassen uns vorbehaltlos daran teilnehmen. Alles was wir tun müssen, ist, es einfach nicht zu versauen!


Weitere Bücher der Autorin*

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