Traumasensible Begleitung für Hunde
… hat mich schon auf den ersten Seiten durch seine Optik für sich eingenommen: Der Text ist locker und mit großen Absätzen gesetzt; Überschriften aber auch die Illustrationen zwischen den einzelnen Kapiteln kommen in einem warmen, fröhlichen Orange daher. Und das ist sehr viel weniger trivial, als es klingt!
Denn beim Inhalt handelt es sich nicht um leichte Kost: Die Autorin, Dr. Sandra Foltin, studierte Psychologin, Juristin und promovierte Biologin, ist Wissenschaftlerin und schreibt auch so. Obwohl ihre Bücher sich ganz explizit auch an Hundehalter:innen richten, sind sie im Vergleich zu vielen anderen Hundebüchern … nun ja … ein bisschen anstrengender zu lesen. Ich für mein Teil jedenfalls mache trotz einschlägiger Vorkenntnisse jedes Mal wieder die Erfahrung, dass ich über das jeweilige Thema dann doch sehr viel weniger weiß, als ich bis dahin dachte.
Feine-Maus-Rezensionen Dr. Sandra Foltin
Die lockere, fröhliche Optik senkt nicht nur die „Hemmschwelle“, sie bietet dem Gehirn auch Pausen: Keine Chance, sich in einer mit Fachbegriffen gespickten Bleiwüste zu verlieren und dabei unbemerkt abzuschweifen!
Essenzielle Informationen werden in Tabellen übersichtlich zusammengefasst und Fachbegriffe regelmäßig in einem Nebensatz „noch einmal kurz“ erläutert: Es macht nichts, wenn wir Nicht-Psycholog:innen und Nicht-Biolog:innen unter den Leser:innen uns nicht alles im ersten Anlauf merken können. Wenn ich allerdings für das nächste Buch einen Wunsch frei hätte, dann wäre es eine Art Mini-Lexikon am Ende, um Wörter, die fremd geblieben sind, rasch nachzuschlagen.
Die inhaltliche Essenz, die eigentliche Botschaft des Buches kommt so oder so an: Ebenso wie wir Menschen können auch unsere Hunde unter Traumata und deren Folgen leiden.
Auslöser ist dabei nicht zwingend ein Ereignis, welches allgemein als traumatisierend wahrgenommen wird (wie zum Beispiel Unfälle und Naturkatastrophen, oder – im Falle von Hunden – die frühe Trennung von Mutter und Wurfgeschwistern oder eine Adoption aus dem Ausland), sondern Traumata „entstehen oft dann, wenn niemand bemerkt, wie belastend eine Situation für den Hund ist“.
Wir selbst können also durch unseren (durchaus wohlmeinenden!) Umgang mit unseren Hunden sowie durch unsere Bemühungen um ihre Erziehung Traumata verursachen.
Traumata sind nicht einfach „böse Erinnerungen“, sondern sie manifestieren sich im Körper, insbesondere im autonomen Nervensystem. Dessen Reaktionen entziehen sich jeder bewussten Entscheidung: Ein Hund zum Beispiel, der in einer bestimmten Situation regelmäßig unerwünschtes Verhalten zeigt, will uns also nicht nur nicht ärgern, ist nicht stur, will nicht seinen Willen durchsetzen, sondern er kann in diesem Moment womöglich buchstäblich nicht anders. Wenn in einem solchen Fall unser Training ausschließlich bei seinem Verhalten ansetzt, werden wir kaum Erfolg haben. Ganz im Gegenteil: Je nachdem, welche Trainingsmittel wir einsetzen, sind wir unter Umständen diejenigen, die Traumata verursachen.
Modernes Hundetraining berücksichtigt, dass hinter jedem Verhalten ein Bedürfnis und hinter jedem Bedürfnis eine Emotion steckt. Ein traumainformierter Blick hilft uns, zu erkennen, inwiefern körperliche Mechanismen Reaktionen hervorrufen können, welche sich ansonsten unserem Verständnis und folglich auch unseren Trainingsbemühungen entziehen. Indem wir Traumata erkennen und verstehen, vollziehen wir den entscheidenden Schritt vom Training zur Begleitung.
Klingt abstrakt? Sperrig? Widerborstig? Ist es im ersten Wurf auch!
Und das nicht nur wegen der vielen Fremdwörter. Im Gegensatz zu Trainingsanleitungen, -methoden, -philosophien, -tools, -werkzeugkästen und wie sie alle heißen mögen, ist ein traumainformierter Blick immer auch ein Blick auf uns selbst.
„Um eine sichere Verbindung aufzubauen, müssen wir zuerst bei uns selbst ankommen. Unsere innere Haltung, unsere Achtsamkeit und unser echtes Mitgefühl sind die Grundlage dafür, dass ein Hund sich entspannen und Vertrauen fassen kann“ und „Menschen reagieren auf Bindungsanfragen immer aus ihrer eigenen Bindungsgeschichte heraus.“
An dieser Stelle mag ich erzählen, zu welcher Erkenntnis mir die Lektüre von „Dickes Fell?“ ganz unverhofft verholfen hat. Ich lese Hundebücher sozusagen aus „dienstlichen Gründen“: Weil ich Rezensionen verfasse. Mit dem Thema „Trauma“ befasse ich mich in eigener Sache schon seit einigen Jahren. Und ich bemühe mich sehr um Achtsamkeit und einen wohlwollenden Blick auf meine Mitgeschöpfe.
Maillee aka Pupsgesicht aka Mailleemuck ist ein Hund, den ich regelmäßig betreue. Ich weiß um seine Schwierigkeiten und Defizite, bin aber nicht seine Trainerin (sofern es überhaupt möglich ist, aus dieser Rolle „auszusteigen“). Ganz oft, wenn ich versucht habe, ihm kleine Übungen oder einfach Beschäftigung anzubieten, habe ich gedacht „der hat einfach nie gelernt, sich anzustrengen!“. Es war frustrierend.
Ich weiß gar nicht, an welcher Stelle des Buches genau es passiert ist, aber ganz plötzlich dachte ich „der hat einfach nie gelernt, dass er durch eigene Anstrengung etwas bewirken kann!“
Und das hat nicht nur meinen Blick auf diesen Hund verändert, nicht nur meinen Umgang mit ihm, sondern – so hoffe ich – auch seine Welt! Ich bin aufrichtig dankbar für diese Erkenntnis.
Lieblingszitat
„Denn Trauma entsteht eben nicht nur durch offensichtliche Gewalt – es sind die alltäglichen Unachtsamkeiten und Übergriffe, die kleinen Grenzüberschreitungen im täglichen Miteinander, die stillen Überforderungen. Es sind Situationen, in denen Hunde nicht gesehen, nicht verstanden, nicht gehört werden. In denen unsere Erwartungen größer sind, als ihre Kapazitäten. Die „kleine Gewalt des Alltags“ – nicht als Vorwurf, eher als Weckruf. Sie erinnert uns daran, wie machtvoll unsere Haltung, unsere Reaktionen, unser Umgang im Alltag sind – im Positiven wie im Negativen. Und sie lädt uns ein, achtsamer zu werden: im Blick, im Timing, in der inneren Haltung. Denn Beziehung beginnt im Kleinen. Und auch Heilung beginnt dort.“
Für wen eignet sich dieses Buch?
„Dickes Fell?“ ist Fachliteratur. Insofern ist eine Rezension an Trainer:innen quasi verschwendet: An Dr. Sandra Foltin führt so oder so kein Weg vorbei!
„Traumasensible Begleitung für Hunde“ richtet sich aber auch an interessierte Hundehalter:innen. Und bietet, wie ich finde, einen vergleichsweise niedrigschwelligen Einstieg in ein hochkomplexes und schwieriges Thema.
Die Autorin verwendet im Text den Begriff „traumainformiert“, der mir gut gefällt: Wenn ich nach der Lektüre vielleicht noch nicht traumasensibel agiere, nicht möglichst auf dem Zettel habe, wie genau das autonome Nervensystem meines Hundes gerade am Werke ist, und mich entsprechend verhalte, so habe ich doch ein „Wart mal, da war noch was!“ im Hinterkopf. Und kann gegebenenfalls nachschlagen.
Schon dieses Innehalten, dieses „da war noch was!“ kann – davon bin ich überzeugt – unseren Umgang mit unseren Hunden ganz und gar verändern. Zum Besseren.
Also nur Mut! Einfach mal reinlesen!
Info zum Buch*
Dr. Sandra Foltin
„Dickes Fell? Traumasensible Begleitung für Hunde“
Verlag: Kynos
März 2026
Taschenbuch, 220 Seiten
ISBN-10: 3954643529
ISBN-13: 978-3954643523
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Lektüre zum Thema Trauma bei Menschen*


