Das Wichtigste zuerst: Leinenführtraining ist kein Hexenwerk!
Es ist in wenigen Sätzen erklärt und leicht umzusetzen.

Deshalb mag es befremdlich und frustrierend wirken, wenn jetzt – bevor es endlich ans „Eingemachte“ geht – noch eine ganze Menge Vorrede kommt: Grundsätzliche Überlegungen, flankierende Maßnahmen, Management … Jede Menge Blabla, wo ich doch nur auf der Suche nach einem Tipp bin, wie ich meinem Hund das Laufen an entspannter Leine beibringen kann!

Kein Problem: Wer sofort zur Sache kommen will, überspringt diesen Teil und liest gleich hier weiter!

Leinenführigkeit beginnt im Kopf …

… des Menschen!

Was genau will ich eigentlich, wenn ich mir einen leinenführigen Hund wünsche?

  • Soll er an kurzer Leine neben meinem Knie laufen und mich dabei womöglich unentwegt anschauen?
  • Genügt es mir, wenn er nicht ständig wie ein Ochse an der Leine zieht?
  • Möchte ich, dass er einen bestimmten Radius um mich herum einhält, ohne dass die Leine sich spannt?
  • Was bin ich selbst bereit, dafür zu tun?

Genau auf Höhe des Knies dicht neben dem Menschen zu laufen, erfordert Konzentration, ist also anstrengend und daher eher für kurze Strecken geeignet, nicht für Spaziergänge. Es kann aber durchaus sinnvoll sein, wenn ich mich tatsächlich einmal zügig (ohne Schnüffeln, Markieren etc.) von A nach B bewegen oder meinen Hund an der abgewandten Seite an einem potenziellen Auslöser vorbei manövrieren möchte. Leinenführigkeit dagegen ist sozusagen der „Dauerzustand“ (oder soll es einmal werden), weshalb für solche „Ausnahmen“ ein eigens trainiertes Signal wie „Fuß“ besser geeignet ist. Ob mein Hund mich dabei anschauen soll, ist mehr oder weniger Geschmacksache.

Mir persönlich ist lieber, mein Hund guckt, wo er hinläuft. Und gerade dann, wenn wir potenzielle Auslöser passieren, möchte ich auch, dass er die Chance hat, diese „im Auge zu behalten“! Und schließlich ist Blickkontakt keine Einbahnstraße: Wenn ich möchte, dass mein Hund mich anschaut, sollte ich seinen Blick erwidern! Dann allerdings schaut keiner von uns beiden mehr „in Fahrtrichtung“ und mindestens eine von uns hat anschließend Schmerzen im Nacken.

Ganz ehrlich:

  • wenn ich in einer Umgebung unterwegs bin, in der es niemanden stört oder in Gefahr bringt, wenn mein Hund kurz mal in eine bestimmte Richtung zieht,
  • wenn er ein gut sitzendes Geschirr trägt, so dass der Zug abgefangen wird, ohne ihn zu beeinträchtigen,
  • wenn ich selbst ihn halten kann, ohne mich über Gebühr anstrengen zu müssen … 

… dann darf das so sein! Dann darf ich es damit gut sein lassen, einfach nur zu üben, dass er weder unentwegt im Leinenende hängt, noch mit Anlauf hinein knallt.

Spoiler: Gut möglich, dass ich langfristig trotzdem einen Hund habe, der an lächelnder Leine läuft – ich hab nur selbst sehr viel weniger Druck auf dem Weg dorthin! Völlig egal, wie genau ich mir die Leinenführigkeit meines Hundes vorstelle: Ob ich bekomme, was ich mir wünsche, hängt in allererster Linie davon ab, wie viel Engagement, Zeit und Geduld ich zu investieren bereit bin!

… des Hundes: Was hat der eigentlich davon?

Wir erinnern uns: Verhalten, das sich lohnt, wird häufiger gezeigt! Für unsere Hunde allerdings ist die Leine als solche erst einmal nur eines: Hinderlich! Angeleinte Hunde können

  • nicht in einem Tempo laufen, das für sie angenehm ist.
  • nicht eigenständig über die Richtung entscheiden.
  • Explorationsverhalten nicht so zeigen, wie es ihren Bedürfnissen entspricht1.
  • nicht jagen.
  • nicht flüchten, sollten sie sich bedroht fühlen.
  • nicht mit Artgenossen spielen.
  • sich nicht verteidigen.

„An der Leine laufen“ ist demnach ein Verhalten, das aus Hundesicht keinerlei Bedürfnis erfüllt: Es lohnt sich nicht. Es sei denn, der Mensch sorgt aktiv dafür, dass „angeleint sein“ für den Hund von Vorteil ist.

„An der Leine beschütze ich dich!“

… ist ein Versprechen an meinen Hund: „Wenn ich dich an der Leine habe, sorge ich dafür, dass kein Tutnix dich bedrängt, kein übergriffiger Mensch deine Grenzen überschreitet – an der Leine hast du nichts und niemanden zu fürchten!“
„Schutz“ ist aus Sicht unserer Hunde ein außerordentlich guter Grund, die Nähe des Menschen zu suchen, und sie verstehen sehr wohl, dass die Leine beides symbolisieren kann.

Wohlgemerkt: „Kann“. Das schier zu Tode zitierte „die Leine gibt ihm Sicherheit!“ (zur „Erklärung“ von Leinenaggression) ist an dieser Stelle nämlich nicht gemeint!

Tatsächliche „Sicherheit“ vermittelt natürlich nicht die Leine, sondern ein Mensch, der seinen angeleinten Hund achtsam daran führt und ihn vor Unangenehmem schützt. Aus dieser Erfahrung kann die Erkenntnis wachsen: „An der Leine bin ich in Sicherheit, es lohnt sich, an der Leine zu laufen“. Umgekehrt wird ein Hund, der sich angeleint nicht sicher fühlt, auch nicht lernen, sich dabei zu entspannen.

„Deine Bedürfnisse werden erfüllt!“

Wir können nicht jedes Bedürfnis unserer Hunde stets und sofort erfüllen. Manche erfüllen wir nie. Das ist einer der wichtigsten Gründe, warum wir sie überhaupt anleinen!

„An der Leine laufen“ geht also mit einem gewissen Maß an Frustration einher, das nicht zu vermeiden ist. Diesen Frust „auszuhalten“, ist sehr viel leichter, wenn die entsprechenden Bedürfnisse anderweitig erfüllt werden: Ein Hund, der zum Beispiel über Richtung und Dauer eines Spaziergangs entscheiden, Schnüffelstellen in aller Ruhe untersuchen oder Wild anzeigen und beobachten darf, kommt sehr viel besser mit der Tatsache zurecht, dass es auch Situationen gibt, in denen das nicht möglich ist. (Wir unternehmen diese Spaziergänge ja zu seinem Vergnügen.)

Bewegungsdrang kann in gesicherten Freiläufen oder beim Hundesport (von Longieren über Agility bis Canicross) ausgelebt werden, Autonomiebedürfnisse beim Mantrailing, jagdliche Passion beim Jagdersatztraining. Kontakte zu Artgenossen (falls die Stress generieren) lassen sich auf gut angeleiteten Social Walks üben und selbst eine beängstigende Umwelt verliert mit dem entsprechenden Training ihren Schrecken.

Ein Hund mit einem „gut gefüllten Bedürfnismagen“2 schlendert dementsprechend satt und zufrieden durch die Welt!

Es darf leicht sein!

Was das Erlernen der Leinenführigkeit betrifft, führen viele Wege nach Rom. Erfreulicherweise auch etliche, die den Grundsätzen positiven Trainings entsprechen! Dieser ist einer davon.

Die wichtigste Frage lautet: Warum zieht der überhaupt?

„Er hat noch nicht gelernt, an der Leine zu laufen“ und „er hat die Erfahrung gemacht, dass Ziehen sich für ihn lohnt“ sind nur ein Teil der Wahrheit: Tatsächlich gibt es noch andere Gründe, die es unseren Hunden schwer bis unmöglich machen, entspannt durch’s Leben zu gehen.

Sogenannter Grundstress ist einer davon. Ein Hund, der in seinem Alltag vielen Stressoren ausgesetzt ist, wird möglicherweise das versuchen, wozu auch Menschen in dieser Situation geraten wird: Ausdauersport. Er „rennt sich den Stress von der Seele“, oder versucht es jedenfalls.

Auch akuter Stress kann hier eine Rolle spielen – eine Begegnung, die mein Hund gerne vermeiden würde, oder Umweltreize, die ihm nicht geheuer sind. Womöglich macht die ganze Umgebung diesem Hund entspanntes Laufen unmöglich. Das kann für Hunde gelten, die in ein neues, ungewohntes Umfeld verpflanzt wurden, für solche mit Deprivationssyndrom, aber auch für passionierte Jäger.

Hunde ziehen nicht nur an der Leine, weil ihr Bewegungsbedürfnis nicht erfüllt ist. Auch das Gegenteil kann der Fall sein – ihrem Bedürfnis nach Entschleunigung wird keine Rechnung getragen. Um mal in Ruhe wo schnuppern zu können, müssen sie sich „einen Vorsprung herausarbeiten“.

Der Blick auf das „Warum?“ lohnt sich! Wenn es mir gelingt, die Gründe zu minimieren, aus denen mein Hund an der Leine ziehen muss, besteht das Training womöglich nur noch aus „Feinschliff“!

Unsere Artikel zum Thema Leinenführigkeit!

Leinenführigkeit Teil 1: Es gibt keinen Trick 17!

Leinenführigkeit Teil 3: Lockere Leine leicht gemacht – der Feinschliff

Bist du eigentlich leinenführig?

Warum zieht dein Hund an der Leine und wie kannst du ihm helfen?

Hier findest du Literatur zu den diversen Gründen, aus denen dein Hund möglicherweise an der Leine zieht.*

Ihr habt so viele „Baustellen“, dass du gar nicht weißt, wo du anfangen sollst?
Dann hier!

Katrien Lismont
Neustart für Hunde

Zu diesem Buch gibt es eine 
Feine-Maus-Rezension!

Dein Hund leidet an starken Ängsten oder dem sog. „Deprivationssyndrom“?

Wibke Hagemann, Birgit Laser
Leben will gelernt sein

Zu diesem Buch gibt es eine
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Du möchtest deinem Hund zu mehr Zuversicht und Resilienz verhelfen?

Madeleine Franck, Rolf Franck
Das Mutmachbuch für unsichere Hunde

Zu diesem Buch gibt es eine
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Die jagdlichen Bedürfnisse deines Hundes sind … herausfordernd?

Ines Scheuer-Dinger
Wilde Welpen und kleine Jagdnasen

Du möchtest jagende Hunde (und mit ihnen die Welt) mit anderen Augen sehen lernen?

Ulli Reichmann
Wege zur Freundschaft

Zu diesem Buch gibt es eine 
Feine-Maus-Rezension!

Eure Spaziergänge gleichen einem Spießrutenlauf?

Katrien Lismont
Das Gassi-Buch für besondere Hunde


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Foto © Katharina Volk

  1. Foltin, S., U. Ganslosser: Exploration Behavior of Pet Dogs During Off-Leash Walks. J. Veter. Sci. Med. (2021) 9(1):9 ↩︎
  2. Das Bild vom „Bedürfnismagen“ habe ich von Martina Maier-Schmid, genauer gesagt aus ihrem wunderbaren Buch Grenzen setzen 3.0! Hier findest du die Feine-Maus-Rezension dazu. ↩︎